Theoretische Fundierung

Organisationskultur als unentscheidbare Entscheidungsprämisse

Das Unsichtbare, das alles bestimmt

Wie verändere ich etwas, das ich nicht direkt anfassen kann?

Organisationskultur als unentscheidbare Entscheidungsprämisse

Organisationskultur ist die mächtigste Entscheidungsprämisse – und gleichzeitig die am wenigsten zugängliche. Sie kann nicht durch Beschluss erzeugt oder verändert werden. Man kann Kultur nicht anordnen. Man kann sie nur vorleben, gestalten, indirekt beeinflussen.

Kultur als unentscheidbare Entscheidungsprämisse

Organisationskultur ist die mächtigste Entscheidungsprämisse – und gleichzeitig die am wenigsten zugängliche. Luhmann bezeichnet sie als unentscheidbar, weil sie nicht durch Beschluss erzeugt oder verändert werden kann. Man kann Kultur nicht anordnen. Man kann nicht beschließen, eine bestimmte Fehlerkultur zu haben. Man kann sie nur vorleben, gestalten, indirekt beeinflussen.

Was ist Organisationskultur präzise? Es ist die Summe der impliziten Annahmen, Überzeugungen, Werte und Verhaltensweisen, die in einer Organisation »einfach so« gelten – ohne dass sie explizit formuliert oder beschlossen wurden. Es ist das, was Edgar Schein als die tiefste Ebene organisationaler Annahmen beschreibt: die selbstverständlichen, meist unbewussten Grundüberzeugungen darüber, wie die Welt funktioniert, was richtig ist, was Erfolg bedeutet.

Kultur manifestiert sich in Symbolen, Ritualen und Artefakten – der Art, wie Besprechungen geführt werden, welche Geschichten erzählt werden, wie mit Fehlern umgegangen wird, was gefeiert und was beschwiegen wird. Aber diese Manifestationen sind nur die Oberfläche. Darunter liegen Muster, die sich über Jahre und Jahrzehnte eingespielt haben und die sich der direkten Intervention entziehen.

Kultur als blinder Fleck – von Foerster

Heinz von Foersters Bild des blinden Flecks ist für das Verständnis von Organisationskultur besonders treffend. Kultur ist das, womit eine Organisation sieht – nicht was sie sieht. Sie ist die Brille, durch die Wirklichkeit wahrgenommen wird. Und weil sie die Brille ist, kann sie nicht durch dieselbe Brille betrachtet werden.

Das erklärt, warum Kultur so schwer zu erkennen und zu verändern ist. Wer in einer Kultur aufgewachsen ist – oder in einer Organisation lange gearbeitet hat – hat diese Kultur so tief internalisiert, dass sie als Realität erscheint, nicht als Konstruktion. Die Frage »Warum machen wir das so?« wird beantwortet mit »Weil das eben so ist.« Die Kontingenz – die Tatsache, dass es auch anders sein könnte – ist unsichtbar geworden.

Kulturveränderung beginnt deshalb immer mit der Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Mit Fragen, die das Selbstverständliche in Frage stellen. Mit Perspektiven von außen – neuen Mitarbeitenden, externen Beratern, Klienten – die sehen, was von innen nicht mehr gesehen werden kann.

Das Muster, das verbindet – Bateson

Gregory Bateson würde Organisationskultur als das Metamuster beschreiben – das Muster der Muster. Es ist nicht in einem einzelnen Verhalten zu finden, nicht in einer einzelnen Entscheidung. Es ist das Muster, das alle Verhaltensweisen, alle Entscheidungen, alle Kommunikationen verbindet und ihnen eine gemeinsame Qualität verleiht.

Bateson macht darauf aufmerksam, dass Muster auf verschiedenen logischen Ebenen existieren. Einzelne Verhaltensweisen sind auf Ebene 1. Die Regeln, die diese Verhaltensweisen erzeugen, sind auf Ebene 2. Die Regeln, die die Regeln erzeugen, sind auf Ebene 3. Organisationskultur operiert primär auf den Ebenen 2 und 3 – sie definiert, welche Regeln gelten und wie über Regeln nachgedacht wird.

Das bedeutet: Wer Kultur auf Ebene 1 zu verändern versucht – durch Verhaltensanweisungen, Verbote, neue Prozesse – interveniert auf der falschen Ebene. Die Ebene 2 verändert sich nur, wenn die Ebene 2 selbst zum Gegenstand der Reflexion und Kommunikation wird. Und das erfordert Zeit, Sicherheit, Vertrauen und die Bereitschaft, Unbehagen auszuhalten.

Kultur über Bande spielen – Möglichkeiten indirekter Einflussnahme

Wenn Kultur nicht direkt verändert werden kann – was kann dann getan werden? Die systemische Antwort lautet: Über Bande spielen. Statt direkt auf die Kultur einzuwirken, gestalte ich Kontexte, Erfahrungen und Begegnungen, die neue Muster ermöglichen.

Personalentscheidungen sind eine der wirksamsten Hebel. Neue Menschen bringen neue Differenzen in das System – neue Erfahrungen, andere Selbstverständlichkeiten, andere Fragen. Wenn diese Differenzen in die Kommunikation eingespeist werden und Resonanz finden, können sie neue Muster anstoßen.

Rituale und Symbole sind ein weiterer Hebel. Was gefeiert wird, was erinnert wird, welche Geschichten erzählt werden – das prägt, was als wertvoll gilt. Neue Rituale können neue Werte sichtbar machen. Aber nur dann, wenn sie authentisch sind und mit der tatsächlichen Praxis übereinstimmen. Kulturarbeit, die auf der Ebene der Symbole bleibt, während die Praxis das Gegenteil zeigt, verschlimmert das Vertrauen.

Fehlerkultur ist ein besonders sensibles Feld. In Kulturen, in denen Fehler bestraft oder verschwiegen werden, lernt die Organisation nicht aus ihren Fehlern. Der Wandel zu einer Lernkultur kann nicht angeordnet werden – er entsteht, wenn Führungskräfte beginnen, eigene Fehler offen zu kommunizieren, Neugier statt Schuldzuweisung zu zeigen, und wenn diese Haltung strukturell abgesichert wird.

Gunther Schmidt – Kultur als Netzwerk von Erlebnismustern

Gunther Schmidts hypnosystemischer Ansatz bietet eine ergänzende Perspektive auf Organisationskultur. Schmidt beschreibt Kultur als ein Netzwerk von Erlebnis- und Kommunikationsmustern, die sich neuronal eingespielt haben. Was als Organisationskultur beobachtbar ist, entspricht stabilen Netzwerkmustern – Verhaltensweisen und Reaktionen, die sich durch Wiederholung so tief eingespielt haben, dass sie automatisch ablaufen.

Das Hebbsche Gesetz – »Cells that fire together, wire together« – gilt nicht nur für individuelle Gehirne, sondern analog für organisationale Kommunikationsmuster. Was häufig zusammen auftritt, verknüpft sich und wird zur Gewohnheit.

Veränderung bedeutet dann: Neue Muster aktivieren, bis sie stabil genug sind, um alte abzulösen. Das erfordert Wiederholung, emotionale Resonanz und – entscheidend – das Verstehen, welche Bedürfnisse die alten Muster erfüllen. Schmidts Potentialhypothese besagt: Auch scheinbar dysfunktionale Muster haben eine positive Funktion. Bevor man sie verändern kann, muss man verstehen, was sie leisten.

Sie haben beschlossen, dass Ihre Organisation jetzt eine offene Fehlerkultur hat. Ein halbes Jahr später: Fehler werden immer noch verschwiegen. Was ist passiert? Nichts Unerwartetes. Kultur lässt sich nicht beschließen. Sie entsteht durch das, was täglich getan wird – nicht durch das, was geschrieben steht. Was Sie tun können: Beginnen Sie, Ihre eigenen Fehler offen anzusprechen. Nicht als Schwäche, sondern als Modell. Fragen Sie bei Fehlern nach dem Lernen, nicht nach dem Schuldigen. Gestalten Sie Rituale, die das sichtbar machen, was Ihnen wirklich wichtig ist. Und fragen Sie: Welche Funktion erfüllt die bisherige Kultur? Warum war es sinnvoll, Fehler zu verschweigen? Was wäre die Konsequenz, das zu ändern – und wer trägt diese Konsequenz?

Szene 1 – Gelernte Hilflosigkeit als Kulturmuster

In einem sozialpsychiatrischen Wohnverbund fällt etwas auf, das schwer zu benennen, aber sofort zu spüren ist: Die Mitarbeitenden machen – das Nötigste. Nicht aus Faulheit. Nicht aus Desinteresse. Sondern weil sie gelernt haben, dass es keinen Unterschied macht.

Die Führung hat über Jahre widersprüchliche Signale gesendet. Was heute gefordert wurde, war morgen falsch. Engagement wurde nicht belohnt – manchmal sogar bestraft. Wer Ideen eingebracht hat, hat Ärger bekommen. Wer abgewartet hat, auch. Also wartet man ab.

Gregory Bateson nennt das Lernen 0: Das System hat aufgehört zu lernen – weil Lernen sich nicht lohnte. Die Mitarbeitenden haben eine rationale Antwort auf eine irrationale Situation entwickelt. Ihre Passivität ist keine Charakterschwäche. Sie ist die kulturelle Sedimentierung jahrelanger Erfahrung.

Neue Führungskräfte, die in dieses System kommen, stoßen auf eine Mauer – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus kollektivem Selbstschutz. Das System wartet ab. Es hat gelernt zu warten. Und es wird erst wieder anders handeln, wenn es erlebt – nicht hört, sondern erlebt – dass sich etwas grundlegend verändert hat.

Kultur lässt sich nicht durch Ansagen verändern. Sie verändert sich durch wiederholte, konsistente Erfahrungen, die dem bisherigen Muster widersprechen. Das braucht Zeit. Und es braucht Führungskräfte, die bereit sind, diesen Weg zu gehen – ohne schnelle Ergebnisse zu erwarten.

Szene 2 – Was Transparenz wirklich bedeutet

Eine Sozialorganisation steckt in einer schweren Krise. Die Führung kommuniziert regelmäßig – Briefe an die Belegschaft, Informationsveranstaltungen, Aussagen über Transparenz und Wertschätzung. Unter einem der Briefe steht: Wir möchten alle Mitarbeitenden transparent mitnehmen und sind froh, dass Sie bei uns bleiben.

Die Mitarbeitenden lesen den Brief. Und erleben gleichzeitig: Entscheidungen fallen ohne Beteiligung. Stellen werden gestrichen ohne Erklärung der Alternativen. Das Wissen der Fachkräfte wird nicht eingeholt. Ideen, die Kosten senken oder Abläufe verbessern könnten, werden nicht gefragt.

Was die Mitarbeitenden erleben, ist nicht Transparenz. Es ist die Kommunikation über Transparenz – bei gleichzeitiger Abwesenheit von Transparenz in der Praxis.

Das ist das Grundprinzip von Organisationskultur: Sie entsteht nicht durch das, was gesagt wird – sondern durch das, was täglich getan wird. Die Kultur ist nicht der Brief. Die Kultur ist das Erlebte.

Und Heinz von Foerster würde hinzufügen: Kultur ist das, womit eine Organisation sieht – nicht was sie sieht. Sie ist die Brille. Und wer glaubt, einen Brief über Transparenz zu schreiben verändere die Kultur, hat die Brille mit dem Blick verwechselt.

Das gilt besonders in Krisen. Gerade dann, wenn der Druck steigt und die Zeit knapp wird, wird die kulturelle Reserve verbraucht, die eine Organisation zusammenhält. Mitarbeitende, die aus innerer Überzeugung geblieben sind – trotz schlechterer Bezahlung, trotz Belastung – gehen aus innerer Überzeugung, wenn das, wofür sie standen, nicht mehr glaubwürdig ist.

Humberto Maturana hat sinngemäß gesagt: Wer jederzeit gehen kann, bleibt nur aus eigenem Antrieb. Das ist keine Romantik. Es ist eine strategische Einsicht – besonders in Zeiten des Fachkräftemangels.

Szene 3 – Die engagierte Kollegin und die Frage der Fehlerkultur

Eine Kollegin verantwortet das Qualitätsmanagement einer Sozialorganisation. Sie tut das mit echtem Engagement, großer Sorgfalt und tiefer Überzeugung. Das QM ist ihr Werk – und sie steht dafür.

Einige Mitarbeitende haben Rückmeldungen. Das System ist an manchen Stellen nicht benutzerfreundlich. Manche Prozesse erzeugen mehr Aufwand als sie reduzieren. Aber niemand sagt es. Nicht weil die Rückmeldungen falsch wären – sondern weil niemand die Kollegin verletzen will. Ihr Engagement ist sichtbar. Ihre Identifikation mit ihrer Arbeit auch.

Also schweigt man. Und das QM bleibt, wie es ist.

Was hier passiert, ist kulturell bedeutsam: Die Organisation hat keine Fehlerkultur entwickelt, in der Rückmeldungen als Information gelten – unabhängig davon, wer die Arbeit gemacht hat. Stattdessen gilt implizit: Rückmeldung bedeutet Kritik. Kritik bedeutet Verletzung. Also keine Rückmeldung.

Gunther Schmidt nennt das die Verwechslung von Person und Leistung. Eine Rückmeldung über ein System ist keine Aussage über den Menschen, der es entwickelt hat. Aber in einer Kultur, die das nicht unterscheidet, wird jede Kritik zur persönlichen Bedrohung.

Die Konsequenz: Was nicht gesagt wird, existiert für das System nicht. Die Rückmeldungen, die das QM verbessern könnten, versickern im Schweigen. Nicht weil niemand sie hätte – sondern weil die Kultur keinen sicheren Weg für sie geschaffen hat.

Szene 4 – Augenhöhe als gelebte Praxis

Eine Führungskraft offenbart sich ihrem Team in einer persönlichen Situation – offen, ohne Selbstinszenierung, ohne strategisches Kalkül. Das Team antwortet. Nicht mit Mitleid, nicht mit Distanz – sondern mit einer gemeinsamen Haltung: Wir können damit umgehen.

Das ist kein Managementinstrument. Es ist ein kultureller Moment. Ein Moment, in dem die Grenze zwischen Rolle und Person durchlässig wird – und das System darauf mit Vertrauen antwortet.

Solche Momente lassen sich nicht planen. Aber sie lassen sich durch eine Kultur ermöglichen – oder verhindern. Eine Kultur, die Führungskräfte auf ihre Rolle reduziert und menschliche Verletzlichkeit als Schwäche bewertet, verhindert diese Momente. Eine Kultur, die Menschlichkeit als Teil von Professionalität begreift, ermöglicht sie.

Die stärkste Form der Bindung entsteht nicht durch Vertrag – sondern durch die echte Erfahrung, dass man hier gesehen wird, gehört wird, und dass die eigenen Werte mit denen der Organisation übereinstimmen. Das ist keine Romantik. Es ist eine strategische Einsicht.

Reflexionsfragen

→  Welche unausgesprochenen Regeln gelten in Ihrer Organisation – und wer hat sie nie beschlossen?

→  Was erleben Ihre Mitarbeitenden täglich – und deckt sich das mit dem, was Sie über Ihre Kultur sagen?

→  Gibt es in Ihrer Organisation sichere Wege für unbequeme Rückmeldungen? Oder schweigen Menschen, weil Schweigen sicherer ist?

→  Wann haben Sie zuletzt als Führungskraft einen eigenen Fehler offen angesprochen – und was hat das ausgelöst?

→  Was würden Mitarbeitende sagen, wenn Sie sie fragen: Warum bleiben Sie hier?

Praktische Impulse

Kultur beobachten, bevor man sie verändern will

·  Was passiert täglich – in Besprechungen, in Flurgesprächen, im Umgang mit Fehlern? Was wird gefeiert, was wird beschwiegen? Erst verstehen, welche Funktion die bestehende Kultur erfüllt.

Fehlerkultur vorleben, nicht verkünden

·  Als Führungskraft den eigenen Fehler offen ansprechen. Nicht als Schwäche, sondern als Modell. Was einmal gesehen wurde, kann nachgeahmt werden.

Person und Leistung unterscheiden

·  Rückmeldungsformate schaffen, in denen klar ist: Wir sprechen über das System, nicht über die Person. Das schützt Menschen und ermöglicht ehrliche Kommunikation.

Transparenz durch Handlung, nicht durch Kommunikation

·  Weniger Briefe über Transparenz – mehr Entscheidungen, die erklärt werden. Mehr Einladungen zur Mitgestaltung. Mehr ehrliche Antworten auf schwierige Fragen.

Werteidentifikation als strategische Ressource begreifen

·  In der Sozialen Arbeit bleiben Menschen oft trotz schlechterer Bezahlung – weil sie für etwas stehen. Das ist kulturelles Kapital, das gepflegt werden muss – und das in Krisen als erstes verbraucht wird, wenn es ignoriert wird.

Aha-Moment

Ich kann unsere Kultur nicht anweisen. Aber ich kann beginnen, meine eigenen Fehler offen anzusprechen. Ich kann Rituale gestalten, die neue Werte sichtbar machen. Und ich kann fragen: Welche Funktion erfüllt unsere bisherige Kultur – welches Bedürfnis befriedigt sie?

Literatur und Quellen

Schein, E. H. (1995): Unternehmenskultur. Frankfurt am Main: Campus. Luhmann, N. (2006): Organisation und Entscheidung. 2. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag. Bateson, G. (1979): Mind and Nature. A Necessary Unity. New York: Dutton. Schmidt, G. (2018): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Heidelberg: Carl-Auer. Foerster, H. v. / Pörksen, B. (2016): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Heidelberg: Carl-Auer. Wimmer, R. (2011): Die Steuerung des Unsteuerbaren. In: Pörksen, B. (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. Wiesbaden: VS Verlag, S. 520–547.