Theoretische Fundierung

Operationale Geschlossenheit und strukturelle Koppelung

Warum jeder nach seiner eigenen Logik verarbeitet – und was das für Führung bedeutet

Warum kommt meine Botschaft so selten so an, wie ich sie gemeint habe?

Operationale Geschlossenheit und strukturelle Koppelung

Autopoietische Systeme stehen vor einer paradoxen Anforderung: Sie müssen gleichzeitig offen und geschlossen sein. Offen für Ressourcen und Impulse. Geschlossen, weil sie ihre eigene Struktur nur durch operative Selbstreferenz aufrechterhalten können.

Offen und geschlossen zugleich

Autopoietische Systeme stehen vor einer paradoxen Anforderung: Sie müssen gleichzeitig offen und geschlossen sein. Offen, weil sie Ressourcen, Informationen und Impulse aus ihrer Umwelt benötigen. Geschlossen, weil sie ihre eigene Struktur und Identität nur durch operative Selbstreferenz aufrechterhalten können.

Luhmann löst dieses Paradox durch die Unterscheidung von operativer Geschlossenheit und struktureller Offenheit. Eine Organisation ist operational geschlossen: Ihre Operationen – Entscheidungen – sind immer Anschlussoperationen an frühere Entscheidungen. Sie werden nicht von außen diktiert. Gleichzeitig ist sie strukturell offen: Umweltereignisse können die Strukturen des Systems irritieren und zu Veränderungen anregen – aber die Art, wie diese Irritationen verarbeitet werden, entscheidet allein das System.

Dieses Prinzip hat eine direkte Führungskonsequenz: Ich kann als Führungskraft keine Entscheidungen in das System einpflanzen. Ich kann Impulse setzen, Rahmenbedingungen gestalten, Irritationen erzeugen. Aber ob und wie das System auf diese Impulse reagiert, entscheidet das System nach seiner eigenen Logik.

Mitarbeitende als eigenlogische Systeme

Hier liegt eine der folgenreichsten Erkenntnisse für die Führungspraxis, die im klassischen Management fast vollständig ignoriert wird: Nicht nur die Organisation als Ganzes ist ein operational geschlossenes System. Auch jeder einzelne Mitarbeitende ist ein autopoietisches System mit seiner eigenen, von außen nicht vollständig zugänglichen inneren Logik.

Das klassische Management denkt Mitarbeitende als Teile der Organisation – als innen. Die systemische Perspektive korrigiert das: Mitarbeitende sind innere Umwelt. Sie sind strukturell an die Organisation gekoppelt, aber sie operieren nach ihrer eigenen Logik. Jede Führungsintervention – jedes Gespräch, jede Entscheidung, jede Rückmeldung – wird durch den Filter der individuellen Wirklichkeitskonstruktion des Mitarbeitenden verarbeitet.

Das bedeutet: Als Führungskraft haben Sie es nie mit einem passiven Empfänger zu tun. Sie haben immer mit einem aktiv konstruierenden, eigenlogisch operierenden System zu tun. Dieses System verarbeitet Ihre Botschaft nach seiner Geschichte, seinen Erfahrungen, seinen Überzeugungen, seinen Bedürfnissen – nicht nach Ihrer Absicht.

Heinz von Foerster formuliert das mit entwaffnender Klarheit: »Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, bevor ich nicht gehört habe, was du verstanden hast.« Das ist keine Höflichkeitsformel. Es ist eine erkenntnistheoretische Aussage: Bedeutung entsteht nicht beim Sender, sondern im Prozess des Verstehens – und dieser Prozess liegt außerhalb meiner Kontrolle.

Das Dritte System – Bateson über das Zwischen

Gregory Bateson fügt eine weitere Dimension hinzu. Wenn zwei eigenlogische Systeme aufeinandertreffen – eine Führungskraft und ein Mitarbeitender, ein Team und eine Leitung – entsteht im Zwischen etwas, das weder dem einen noch dem anderen allein zugeordnet werden kann. Ein emergentes Muster. Ein drittes System.

Das erklärt, warum derselbe Mitarbeitende unter verschiedenen Führungskräften so unterschiedlich wirkt. Er hat sich nicht verändert. Aber das Muster, das im Zwischen entsteht, ist ein anderes. Es ist ein Produkt der Beziehung – nicht der Eigenschaften der einzelnen Personen.

Für Führung hat das eine weitreichende Konsequenz: Ich kann nicht »meinen Mitarbeitenden« beschreiben, als wäre das eine objektive Eigenschaft dieser Person. Ich beschreibe immer das Muster unserer Beziehung – das ich miterzeugt habe. Die Frage »Warum verhält sich dieser Mitarbeitende so?« ist unvollständig. Die vollständige Frage lautet: »Warum erzeugen wir gemeinsam dieses Muster?«

Strukturelle Koppelung – wie Verbindung trotzdem gelingt

Wenn Systeme operational geschlossen sind – wie können sie dann überhaupt miteinander in Verbindung treten? Die Antwort lautet: durch strukturelle Koppelung. Systeme können sich gegenseitig irritieren und beeinflussen, ohne ihre operative Geschlossenheit aufzugeben. Sie entwickeln Strukturen, die aufeinander abgestimmt sind – ohne dass eines das andere kontrolliert.

Zwischen Organisation und Mitarbeitendem findet strukturelle Koppelung statt über Arbeitsvertrag, gemeinsame Werte, fachliche Interessen, Gewohnheiten, Routinen. Diese Koppelungen können eng oder lose sein. Enge Koppelung erzeugt Verlässlichkeit und Konsistenz – aber auch Anfälligkeit für Störungen. Lose Koppelung erzeugt Flexibilität und Resilienz – aber auch die Gefahr mangelnder Verbindlichkeit.

Weder enge noch lose Koppelung ist per se besser. Es kommt darauf an, welche Koppelungsdichte für welche Aufgabe, welchen Kontext, welchen Moment angemessen ist. Eine der Führungsaufgaben besteht darin, diese Koppelungsdichte bewusst zu gestalten – zu wissen, wann Verbindlichkeit und wann Autonomie dienlicher ist.

Kybernetik zweiter Ordnung – sich selbst beim Beobachten beobachten

Heinz von Foerster entwickelte die Kybernetik zweiter Ordnung als epistemologische Vertiefung. Kybernetik erster Ordnung beschäftigt sich mit der Steuerung von Systemen – wie wirken Rückkopplungsschleifen, wie regulieren Systeme sich selbst? Kybernetik zweiter Ordnung macht einen radikalen Schritt: Sie schließt den Beobachter in die Beobachtung ein.

Wer beobachtet, wie eine Organisation funktioniert, ist selbst Teil des Geschehens. Die Beobachtung verändert das Beobachtete. Und der Beobachter ist selbst ein System mit blinden Flecken, Vorurteilen und Konstruktionen. Das führt zu der unbequemen Frage: Mit welcher Brille schaue ich – und was sehe ich deshalb nicht?

Für Führungskräfte bedeutet das: Die Fähigkeit, die eigene Beobachtung zu beobachten, ist keine philosophische Spielerei. Sie ist eine der wichtigsten Führungskompetenzen überhaupt. Wer nicht weiß, mit welchen Vorannahmen er eine Situation bewertet, führt blind – in dem Sinne, dass er seine eigene Konstruktion für die Realität hält.

Sie sagen zu zwei Mitarbeitenden dasselbe – und bekommen völlig verschiedene Reaktionen. Das liegt nicht daran, dass einer von beiden schwierig ist. Es liegt daran, dass beide eigenlogische Systeme sind, die Ihre Botschaft nach ihrer eigenen Geschichte verarbeiten. Und noch etwas, das selten bedacht wird: Wenn Sie mit einem Mitarbeitenden sprechen, entsteht zwischen Ihnen etwas, das weder Ihnen noch ihm allein gehört. Ein Muster, das aus der Begegnung entsteht. Gregory Bateson nennt das das emergente Dritte. Das erklärt, warum derselbe Mensch unter verschiedenen Führungskräften so unterschiedlich wirkt. Er hat sich nicht verändert. Aber das Muster, das entsteht, ist ein anderes. Praktische Konsequenz: Wenn ein Mitarbeitender mich regelmäßig frustriert, lohnt es sich zu fragen: Was trage ich zu diesem Muster bei?

Szene 1 – Das Handbuch, das niemand wollte

Martin tritt seine erste Leitungsstelle an – motiviert, erfahren, gut vorbereitet. Acht Jahre hat er selbst in psychiatrischen Wohnheimen gearbeitet. Er kennt das Feld. Er weiß, was gut funktioniert und was nicht.

In den ersten Wochen beobachtet er genau. Er vergleicht, analysiert, sammelt. Dann schreibt er ein kleines Handbuch – keine trockene QM-Vorlage, sondern ein praktisches Nachschlagewerk für den Alltag. Best Practices, verständlich formuliert, direkt anwendbar. Seine Vorgesetzte ist begeistert.

In der nächsten Teamsitzung stellt er es vor.

Die erste Reaktion kommt schnell: »Meinst du, wir arbeiten nicht bereits so?«

Martin ist überrascht. Er hatte ein Angebot gemacht – eine Hilfe, eine Ressource, eine Wertschätzung des gemeinsamen Wissens. Das Team hat etwas anderes empfangen: eine Bewertung. Eine implizite Botschaft, dass das Bisherige nicht gut genug war. Dass jemand von außen – der neue Chef – es besser weiß.

Beide haben recht. Und beide haben unrecht.

Martin hat ein Angebot gemacht. Das ist wahr. Aber das Team hat keine leere Festplatte, auf die Inhalte gespielt werden können. Es ist ein eigenlogisches System mit einer eigenen Geschichte, eigenem Stolz, eigenen Erfahrungen. Es verarbeitet Martins Handbuch durch diesen Filter – und was herauskommt, ist nicht das, was Martin hineingesteckt hat.

Heinz von Foerster hat das in einem Satz zusammengefasst: »Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, bevor ich nicht gehört habe, was du verstanden hast.« Kommunikation ist keine Übertragung. Sie ist ein Angebot zur Konstruktion. Was der Empfänger konstruiert, liegt außerhalb der Kontrolle des Senders.

Szene 2 – Derselbe Mitarbeitende, zwei verschiedene Führungskräfte

Eine erfahrene Mitarbeiterin gilt bei ihrer bisherigen Führungskraft als schwierig – verschlossen, wenig kooperativ, oft in Konflikten. Als die Führungskraft wechselt, verändert sich die Mitarbeiterin kaum erkennbar. Aber die neue Führungskraft erlebt sie völlig anders: engagiert, verlässlich, mit guten Ideen.

Die Mitarbeiterin hat sich nicht verändert. Aber das Muster, das im Zwischen entsteht, ist ein anderes.

Gregory Bateson nennt das das emergente Dritte: Wenn zwei eigenlogische Systeme aufeinandertreffen, entsteht etwas, das weder dem einen noch dem anderen allein zugeordnet werden kann. Die Qualität einer Arbeitsbeziehung ist kein Merkmal der beteiligten Personen – sie ist ein Produkt ihrer Begegnung.

Die vollständige Frage lautet deshalb nicht: Warum verhält sich dieser Mitarbeitende so? Die vollständige Frage lautet: Warum erzeugen wir gemeinsam dieses Muster?

Reflexionsfragen

→  Welche Botschaft haben Sie zuletzt gut gemeint – und wie ist sie angekommen?

→  Haben Sie je nachgefragt, was Ihr Gegenüber verstanden hat – nicht was Sie gesagt haben?

→  Welche Mitarbeitenden gelten bei Ihnen als schwierig – und wie würden sie sich unter anderen Bedingungen zeigen?

→  Welche Muster erzeugen Sie gemeinsam mit Ihren Mitarbeitenden – und was tragen Sie dazu bei?

→  Wann haben Sie zuletzt ein Angebot gemacht, statt eine Ansage?

Praktische Impulse

Rückmeldung als Standard etablieren

·  Nach wichtigen Kommunikationen fragen: Was ist angekommen? Nicht als Kontrolle – als echte Neugier. Von Foersters Satz als Haltung verstehen: Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, bevor ich nicht gehört habe, was du verstanden hast.

Gemeinsam entwickeln statt präsentieren

·  Was das Team selbst erarbeitet, wird anders verarbeitet als was präsentiert wird. Prozesse gestalten, nicht Ergebnisse vorstellen. Das kostet Zeit – und erzeugt Anschlussfähigkeit.

Das emergente Dritte im Blick behalten

·  Wenn eine Arbeitsbeziehung schwierig ist, nicht die Person analysieren – das Muster analysieren. Was entsteht zwischen uns? Und was könnte ich anders tun, damit ein anderes Muster entstehen kann?

Aha-Moment

Ich habe nie mit meinen Mitarbeitenden gesprochen. Ich habe immer mit eigenständigen Systemen gesprochen, die meine Worte nach ihrer eigenen Logik verarbeitet haben. Die Frage ist nicht: Warum versteht der mich nicht? Die Frage ist: Nach welcher Logik verarbeitet dieser Mensch meine Botschaft – und wie kann ich Angebote machen, die in seiner Logik anschlussfähig sind?

Literatur und Quellen

Foerster, H. v. (1997): Abbau und Aufbau. In: Simon, F. B. (Hrsg.): Lebende Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 32–51. Foerster, H. v. / Pörksen, B. (2016): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Heidelberg: Carl-Auer. Bateson, G. (2000): Steps to an Ecology of Mind. Chicago: University of Chicago Press. Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Gesmann, S. / Merchel, J. (2021): Systemisches Management in Organisationen der Sozialen Arbeit. 2. Aufl. Heidelberg: Carl-Auer.