Theoretische Fundierung
Autopoiese – Organisationen als lebende Systeme
Warum Organisationen hartnäckig sie selbst bleiben
Warum läuft nach jeder Veränderungsinitiative nach kurzer Zeit alles wieder wie vorher?
Theorie
Autopoiese – aus dem Griechischen autos (selbst) und poiein (machen, herstellen) – bezeichnet das Prinzip der Selbstproduktion lebender Systeme. Das Konzept wurde von den chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela in den 1970er Jahren entwickelt, um das Charakteristikum lebender Zellen zu beschreiben: Sie erzeugen ihre eigenen Bestandteile, die wiederum das Netzwerk erzeugen, das sie erzeugt.
Selbstproduktion als Grundprinzip
Eine Zelle produziert auf molekularer Ebene ständig die Proteine, Lipide und anderen Moleküle, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Organisation benötigt. Durch dieses Netzwerk von Interaktionen entsteht und erhält sich die Zellmembran – jene Grenze, die das Innen vom Außen trennt. Grenzerhaltung ist Systemerhaltung.
Luhmann übertrug dieses Konzept auf soziale Systeme: Auch Organisationen erzeugen sich selbst – durch die kontinuierliche Produktion von Entscheidungen, die auf frühere Entscheidungen aufbauen und neue Entscheidungen vorbereiten. Eine Organisation, die aufgehört hat, Entscheidungen zu produzieren, existiert nicht mehr als Organisation.
Stabilität als Normalfall – nicht als Versagen
Das Paradoxe an der Autopoiese ist, dass sie sowohl Veränderung als auch Stabilität ermöglicht – aber Stabilität bevorzugt. Ein autopoietisches System ist primär damit beschäftigt, sich selbst zu erhalten. Veränderung ist möglich, aber sie muss sich gegen die Eigenlogik der Selbstreproduktion durchsetzen.
Das erklärt eine der häufigsten Frustrationserfahrungen in Organisationsentwicklungsprozessen: Ein neues Konzept wird eingeführt, eine neue Strategie beschlossen, ein Wandel proklamiert – und nach einiger Zeit läuft alles wieder wie vorher. Das ist kein Versagen von Führung oder Mitarbeitenden. Es ist das autopoietische System, das zur Selbstreproduktion zurückkehrt.
Klaus Eidenschink, der eine dezidiert pragmatische Metatheorie der Veränderung entwickelt hat, macht darauf aufmerksam, dass die entscheidende Frage nicht lautet: Was muss sich verändern? Die entscheidende Frage lautet: Welche Funktion erfüllt die bestehende Stabilität – und unter welchen Bedingungen wird Veränderung für dieses System überhaupt möglich?
Jede stabile Struktur, jedes wiederkehrende Muster, jedes scheinbar dysfunktionale Verhalten erfüllt eine Funktion im System. Es befriedigt ein Bedürfnis, reduziert Komplexität oder schützt vor etwas Bedrohlichem. Wer diesen Sinn nicht versteht, kann keine nachhaltige Veränderung erzeugen – weil das System auf die Stabilität zurückfällt, sobald der externe Druck nachlässt.
Autopoiese und der Eigensinn der Mitarbeitenden
Was für Organisationen gilt, gilt auch für jeden einzelnen Menschen in der Organisation. Auch psychische Systeme sind autopoietisch. Auch Menschen reproduzieren kontinuierlich ihre eigenen kognitiven und emotionalen Muster – ihre Wirklichkeitskonstruktionen, ihre Überzeugungen, ihre Verhaltensweisen.
Das hat eine wichtige Konsequenz, die im klassischen Management häufig übersehen wird: Mitarbeitende sind nicht formbar wie Ton. Sie sind eigenlogische Systeme mit einem genuinen Eigensinn – nicht im Sinne von Widerspenstigkeit, sondern im wörtlichen Sinne: einem eigenen Sinn, einer eigenen Logik, die kohärent ist und sich selbst reproduziert.
»Eigensinn« ist kein Defizit. Er ist das Zeichen eines funktionierenden autopoietischen Systems. Mitarbeitende, die auf Anweisungen immer anders reagieren als erwartet, scheitern nicht an Gehorsam – sie operieren nach ihrer eigenen, vollkommen konsistenten inneren Logik, die der Führungskraft schlicht nicht vollständig zugänglich ist.
Heinz von Foerster hat das mit seiner Unterscheidung der nicht-trivialen Maschine präzise beschrieben: Der innere Zustand des Systems ist von außen nicht einsehbar. Führung, die das nicht berücksichtigt, scheitert nicht an mangelnder Autorität – sie scheitert an einem fundamentalen Missverständnis darüber, was ein lebendes System ist.
Die Grenze als konstitutives Moment
Autopoiese erzeugt zwingend eine Grenze – zwischen Innen und Außen, zwischen System und Umwelt. Diese Grenze ist nicht räumlich zu verstehen, sondern kommunikativ. Eine Organisation grenzt sich von ihrer Umwelt ab, indem sie unterscheidet, welche Kommunikationen zu ihr gehören und welche nicht.
Diese Grenze muss kontinuierlich reproduziert werden. Eine Organisation, die aufgehört hat, diese Unterscheidung zu treffen, hört auf, eine Organisation zu sein. Fusionen, Restrukturierungen, Kulturwandel – all das sind Momente, in denen diese Grenze neu gezogen werden muss. Das ist anstrengend. Es erklärt, warum Organisationsveränderungen so viel Energie kosten.
Bateson würde hinzufügen: Die Grenze ist nicht nur eine Funktion der Organisation – sie ist auch eine Funktion der Beobachtung. Wer die Organisation beobachtet, zieht die Grenze. Verschiedene Beobachter ziehen verschiedene Grenzen. Die Frage »Wo hört unsere Organisation auf und wo beginnt die Umwelt?« hat keine objektive Antwort – sie hängt davon ab, wer beobachtet und mit welcher Unterscheidung
Praxis
Praxisbeispiele
Szene 1 – Das System, das sich selbst schützt
Ein Altenheim einer größeren Sozialorganisation fällt seit Jahren auf. Dauerkrankenstand. Ständig wechselnde Leitungen. Teure Zeitarbeitskräfte, die nach eigenen Regeln arbeiten und damit die Stammbelegschaft zusätzlich belasten. Die Stimmung ist schlecht – das weiß jeder, der das Haus betritt.
Der zuständige Vorstand zieht eine klare Konsequenz: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind das Problem. Er sagt das offen.
Was er nicht fragt: Wie lange dauert das schon? Was hat diese Kultur erzeugt – und welche Funktion erfüllt sie für das System? Welche Führungsentscheidungen, welche Personalwechsel, welche strukturellen Bedingungen haben über Jahre dazu beigetragen, dass Menschen krank werden, Leitungen gehen und Vertrauen erodiert?
Die Intervention bleibt auf der Ebene der Schuldzuweisung. Es folgen Ansagen. Vielleicht eine neue Leitung. Vielleicht ein Workshop. Und nach einiger Zeit: dasselbe Muster.
Das ist keine Schwäche der Mitarbeitenden. Es ist Autopoiese. Das System reproduziert sich selbst – nach einer Logik, die sich über Jahre eingespielt hat und die durch Ansagen von außen nicht erreicht wird.
Szene 2 – Der Vorstand als Teil des Systems
Was der Vorstand übersieht: Er selbst ist nicht außerhalb dieses Systems. Er ist Teil davon. Seine Personalentscheidungen haben Leitungen produziert, die gegangen sind. Seine Führungskultur hat mitgeprägt, was in diesem Haus als normal gilt. Seine Art, Probleme zu benennen – als Versagen anderer – ist selbst eine Entscheidungsprämisse, die das System reproduziert.
Das Altenheim produziert sich nicht allein. Es ist eingebettet in ein Gesamtsystem – mit einer Geschäftsbereichsleitung, einem Vorstand, einer Organisationskultur, die weit über das einzelne Haus hinausreicht. Wenn das Haus dieselben Muster immer wieder zeigt, ist die Frage nicht nur: Was stimmt dort nicht? Die Frage ist: Was stimmt im Gesamtsystem nicht – und wer beobachtet das?
Heinz von Foerster nennt das den blinden Fleck des Beobachters: Wer glaubt, ein System von außen objektiv beurteilen zu können, übersieht, dass er selbst Teil des Geschehens ist. Kybernetik zweiter Ordnung bedeutet für Führungskräfte: Ich beobachte nicht nur das System. Ich beobachte auch mich beim Beobachten.
Klaus Eidenschink stellt dann die entscheidende Frage: Unter welchen Bedingungen würde dieses Gesamtsystem – nicht nur das Altenheim, sondern die gesamte Organisation – selbst einen Grund haben, sich zu verändern? Und wer müsste dafür was anders machen – oder lassen?
Pacing kommt vor Leading. Verstehen kommt vor Verändern. Und Verstehen beginnt damit, sich selbst als Teil des Problems zu begreifen.
Reflexion
Reflexionsfragen
→ Welche Muster in Ihrer Organisation reproduzieren sich trotz wiederholter Veränderungsversuche?
→ Welche Funktion könnten diese Muster erfüllen – welches Bedürfnis befriedigen sie?
→ Inwiefern sind Sie selbst Teil der Muster, die Sie verändern wollen?
→ Was müsste sich in Ihrem eigenen Verhalten ändern, damit das System einen Grund hat, anders zu reagieren?
→ Haben Sie Mitarbeitende je gefragt: Was bräuchtet ihr, um hier wirklich anders arbeiten zu können?
Praktische Impulse
Stabilität als Information lesen
· Wenn sich ein Muster hartnäckig reproduziert, fragen Sie nicht: Warum ändern die sich nicht? Fragen Sie: Welche Funktion hat dieses Muster – und was wäre die Konsequenz, es aufzugeben? Die Antwort darauf zeigt, wo Veränderung wirklich ansetzen müsste.
Den eigenen Anteil suchen
· Bevor Sie eine Situation analysieren, fragen Sie sich: Was trage ich zu diesem Muster bei? Das ist keine Selbstgeißelung – es ist die produktivste Frage, die eine Führungskraft stellen kann.
Veränderung vorbereiten, nicht erzwingen
· Eidenschinks Frage als Leitfrage nutzen: Unter welchen Bedingungen würde dieses System selbst einen Grund haben, sich zu verändern? Und dann diese Bedingungen gestalten – statt Druck zu erhöhen.
Aha-Moment
Unsere Organisation reproduziert seit Jahren dieselben Muster – obwohl wir wissen, dass es besser gehen könnte. Das ist kein Versagen. Es ist Systemlogik. Die Frage ist nicht: Warum ändern die sich nicht? Die Frage ist: Welche Funktion erfüllt dieses Muster – und was müsste sich ändern, damit das System selbst einen Grund hat, es aufzugeben?
Verknüpfungen
Literatur und Quellen