Vertiefungen

Humberto Maturana und Francisco Varela

Die Entdecker der Selbstproduktion – und was das für Organisationen bedeutet

Wenn meine Organisation sich immer wieder selbst reproduziert – wie kann ich dann überhaupt nachhaltig etwas verändern?

In Santiago de Chile, in den frühen 1970er Jahren, stellten zwei Biologen eine Frage, die eigentlich nur für Zellen relevant schien: Was ist das Charakteristische lebender Systeme? Was unterscheidet etwas Lebendes von etwas Mechanischem? Ihre Antwort – Autopoiese, Selbstproduktion – hat das Denken über Organisationen, Führung und Veränderung fundamental verändert. Nicht weil sie eine Methode liefert. Sondern weil sie erklärt, warum so vieles nicht funktioniert.

Santiago, Biologie und eine revolutionäre Frage

Humberto Maturana, geboren 1928 in Santiago de Chile, studierte Biologie und promovierte in Harvard. Francisco Varela, geboren 1946, ebenfalls in Chile, wurde sein Student – und später sein wichtigster Gesprächspartner. Gemeinsam entwickelten sie in den 1970er Jahren ein Konzept, das aus der Neurobiologie kam und weit darüber hinausging.

Die Ausgangsfrage war schlicht: Was tut eine lebende Zelle, das eine Maschine nicht tut? Die Antwort, die sie nach Jahren der Forschung formulierten: Eine lebende Zelle produziert kontinuierlich sich selbst. Sie erzeugt die Bestandteile, die das Netzwerk aufrechterhalten, das sie erzeugt. Sie ist nicht darauf ausgerichtet, etwas zu produzieren – sie ist darauf ausgerichtet, sich zu reproduzieren.

Dieses Prinzip nannten sie Autopoiese – von griechisch autos (selbst) und poiein (machen).

H2: Autopoiese und die Grenze

Ein autopoietisches System erzeugt zwingend eine Grenze – zwischen Innen und Außen, zwischen sich selbst und seiner Umwelt. Diese Grenze ist nicht gegeben. Sie wird kontinuierlich erzeugt. Eine Zelle, die aufgehört hat, ihre Membran zu produzieren, existiert nicht mehr als Zelle.

Maturana und Varela zogen daraus eine weitreichende Konsequenz: Ein autopoietisches System ist operational geschlossen. Es kann durch seine Umwelt irritiert werden – aber wie es diese Irritation verarbeitet, entscheidet es nach seiner eigenen Logik. Die Umwelt kann keine Instruktionen geben. Sie kann nur stören.

»Das Nervensystem ist ein operational geschlossenes System. Es operiert immer nur mit seinen eigenen Zuständen.« (Humberto Maturana)

Strukturelle Koppelung – wie Verbindung trotzdem gelingt

Wenn Systeme operational geschlossen sind – wie können sie dann überhaupt aufeinander einwirken? Maturana und Varela antworten mit dem Begriff der strukturellen Koppelung. Systeme können sich gegenseitig beeinflussen, ohne dass eines das andere kontrolliert. Sie entwickeln über Zeit Strukturen, die aufeinander abgestimmt sind – wie Schloss und Schlüssel, die sich gegenseitig formen, ohne dass einer den anderen macht.

Im sozialen Kontext bedeutet das: Führungskraft und Mitarbeitender sind strukturell gekoppelt – sie beeinflussen sich wechselseitig, sie passen sich aneinander an. Aber keiner kontrolliert den anderen vollständig. Und keiner kann vollständig vorhersagen, wie der andere eine Intervention verarbeitet.

Erkenntnis als Konstruktion – der Baum der Erkenntnis

In ihrem bekanntesten Buch – »Der Baum der Erkenntnis« (1984) – erweiterten Maturana und Varela ihre Biologie zur Erkenntnistheorie. Ihr Kernsatz: Jede Erkenntnis ist eine Handlung. Wir erkennen nicht eine objektive Welt da draußen – wir konstruieren sie durch unsere Beobachtung. Das Nervensystem bringt eine Welt hervor, es bildet keine ab.

Diese Einsicht verbindet sie direkt mit Heinz von Foerster und dem Radikalen Konstruktivismus: Es gibt keine beobachterunabhängige Realität, auf die wir uns in Führungsentscheidungen berufen könnten. Jede Beschreibung einer Organisation ist eine Konstruktion des Beschreibenden.

Was das für Veränderung bedeutet

Hier liegt der praktische Kern: Wenn Organisationen autopoietische Systeme sind, dann ist Stabilität nicht Versagen – sie ist Systemprinzip. Jede stabile Struktur, jedes wiederkehrende Muster erfüllt eine Funktion. Es hat sich bewährt, auch wenn es von außen dysfunktional erscheint.

Veränderung ist deshalb nicht durch Anweisung möglich. Sie ist nur möglich, wenn das System selbst einen Grund hat, sich zu verändern – wenn die bestehenden Strukturen nicht mehr leisten, was sie leisten sollen. Die Führungsaufgabe verlagert sich: von der Steuerung des Verhaltens zur Gestaltung von Bedingungen, unter denen das System beginnt, neue Muster zu entwickeln.

Aha-Moment

Meine Organisation ist kein Werkzeug, das ich forme. Sie ist ein lebendes System, das sich selbst reproduziert. Veränderung beginnt nicht mit der Frage: Was muss anders werden? Sie beginnt mit der Frage: Welche Funktion erfüllt das, was jetzt ist – und was braucht dieses System, um selbst einen Grund zur Veränderung zu entwickeln?

Literatur und Quellen

Maturana, H. / Varela, F. (1987): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bern: Scherz. Maturana, H. / Varela, F. (1980): Autopoiesis and Cognition. The Realization of the Living. Dordrecht: Reidel. Varela, F. / Thompson, E. / Rosch, E. (1991): The Embodied Mind. Cambridge: MIT Press. Riegas, V. / Vetter, C. (Hrsg.) (1990): Zur Biologie der Kognition. Ein Gespräch mit Humberto Maturana. Frankfurt am Main: Suhrkamp.