Theoretische Fundierung

Beobachtung und blinde Flecken

Lebende Systeme können ihre Umwelt nicht objektiv abbilden. Sie beobachten hochselektiv – und erzeugen dabei zwangsläufig blinde Flecken. Was ein System nicht beobachtet, existiert für es nicht. Die Kybernetik zweiter Ordnung fragt deshalb nicht nur, was beobachtet wird, sondern wer beobachtet, mit welchen Unterscheidungen – und was dabei unsichtbar bleibt.

Eidenschink · Metatheorie der Veränderung

Blinde Flecken sind für Eidenschink das zentrale Hindernis jeder Veränderung. Was ein System nicht sehen kann, kann es nicht verändern. Deshalb beginnt wirksame Veränderungsbegleitung immer mit der Frage: Was wird hier nicht gesehen – und warum nicht? Die Antwort liegt meistens nicht in fehlendem Wissen, sondern in der Logik der Beobachtung selbst.

Beobachtung ist in der Systemtheorie kein passiver Vorgang. Beobachten bedeutet, eine Unterscheidung zu treffen: zwischen dem, was man sieht, und dem, was man dabei nicht sieht. Jede Beobachtung hat einen blinden Fleck – den Punkt, von dem aus man beobachtet, den man selbst aber nicht sehen kann.

Organisationen beobachten ihre Umwelt nicht direkt. Da sie als soziale Systeme selbst nicht wahrnehmen können, sind sie auf die Beobachtungen ihrer Mitglieder angewiesen. Was Mitarbeitende wahrnehmen und in die Kommunikation einspeisen, hängt von ihrer individuellen Wirklichkeitskonstruktion ab – geprägt durch Ausbildung, Erfahrung, Position und persönliche Perspektive.

Die Kybernetik zweiter Ordnung – entwickelt unter anderem von Heinz von Foerster – geht einen entscheidenden Schritt weiter. Sie fragt nicht nur nach dem Beobachteten, sondern nach dem Beobachter. "Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen" – dieser Satz von von Foerster beschreibt das fundamentale Problem: Blinde Flecken sind per definitionem unsichtbar.

Für Führungskräfte und Berater hat das eine wichtige Konsequenz: Auch die eigene Beobachtung ist kontingent – sie hätte auch anders ausfallen können. Stetige Selbstreflexion in Form einer "Beobachtung zweiter Ordnung" ist deshalb kein Luxus, sondern eine professionelle Notwendigkeit. Werkzeuge dafür sind Supervision, externe Beratung, und strukturierte Reflexionsräume.