Theoretische Fundierung

Autopoiese – Organisationen als lebende Systeme

Autopoiese

Autopoiese bedeutet Selbstproduktion. Lebende Systeme erzeugen sich selbst – und das gilt auch für Organisationen. Sie reproduzieren ihre eigenen Entscheidungsmuster, ihre Kultur, ihre Spielregeln. Das ist ihre Stärke und gleichzeitig die größte Herausforderung für jeden Veränderungsversuch.

Eidenschink · Metatheorie der Veränderung

Autopoiese ist für Eidenschink der Schlüsselbegriff, um zu verstehen, warum Organisationen sich Veränderungsimpulsen widersetzen. Ein System, das sich selbst produziert, reagiert auf Einflüsse von außen immer durch den Filter seiner eigenen Logik. Es "verdaut" Impulse, anstatt sie linear umzusetzen. Das ist kein Defekt – es ist das Wesen lebender Systeme.

Der Begriff Autopoiese wurde von den chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela geprägt. Er beschreibt die besondere Eigenschaft lebender Systeme: Sie erzeugen sich selbst. Eine Zelle produziert auf molekularer Ebene ständig jene Bestandteile, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer eigenen Organisation braucht. Sie grenzt sich durch eine Membran von ihrer Umwelt ab und erhält diese Grenze kontinuierlich aufrecht.

Niklas Luhmann übertrug diesen Begriff auf soziale Systeme. Organisationen produzieren sich selbst, indem sie ständig neue Entscheidungen treffen, die an frühere Entscheidungen anschließen. Eine Organisation existiert, solange dieser Kommunikationsprozess aufrechterhalten wird. Sie hört auf zu existieren, wenn keine Entscheidungen mehr getroffen und kommuniziert werden.

Für das Management bedeutet das: Man kann eine Organisation nicht von außen "steuern" wie eine Maschine. Man kann nur Impulse setzen, die das System aufgreift – oder auch nicht. Ob und wie ein Impuls wirkt, entscheidet die Organisation nach ihrer eigenen, internen Logik.

Autopoietische Systeme sind operational geschlossen, aber energetisch offen. Sie brauchen Ressourcen aus der Umwelt (Personal, Geld, Informationen), entscheiden aber selbst, wie sie damit umgehen. Kein Umweltereignis "tritt" automatisch in das System ein – es muss von Mitarbeitenden beobachtet, kommuniziert und damit entscheidungsrelevant gemacht werden.